ROSMARIN ~ Rosmarin-Tinte

ROSMARIN  ~  Rosmarin-Tinte - Kontor-der-Lydia

Seit der Antike begleitet den Rosmarin die Symbolik des Erinnerns und Bewahrens. Was passiert, wenn sich dieses antike Sinnbild der Erinnerung zusammen mit den „Tränen der Akazie“ in Tinte verwandelt? Dann erwacht eine historische Schreibtinte zum Leben. Eine Tinte, welche die alte Symbolik des Rosmarins mit der Kunst des Schreibens vereint – so wie damals, als jedes Wort noch von Hand entstand.

Wissenswertes

Gummi arabicum ~ Das Tränenharz der Pharaonen
Die Geschichte vom Gummi arabicum beginnt nicht, wie der Name vermuten lässt, in Arabien, sondern in den kargen Savannen Afrikas – vor allem im heutigen Sudan. Dort wächst die Acacia senegal, ein unscheinbarer, dorniger Baum. Wenn die heißen Wüstenwinde oder Verletzungen die Rinde aufreißen, schützt sich der Baum, indem er eine goldene Flüssigkeit absondert, die an der Luft zu harten, glänzenden Klumpen erstarrt. Die Menschen nannten es die „Tränen der Akazie“. Bereits vor über 4.000 Jahren entdeckten die alten Ägypter die Eigenschaften dieses klebrigen Naturwunders. Doch die größte Revolution löste das Pflanzengummi in der Schreibstube aus.

Das Geheimnis der Gerbstoffe: Wie aus Rosmarin Schreibtinte wird
Bereits im alten Ägypten mischten Schreiber Ruß (von verbranntem Holz oder Öl) mit Wasser. Doch während diese rußbasierten Rezepturen die Antike in Ägypten und Rom beherrschten, revolutionierten Schreiber und Mönche ab der Spätantike und dem frühen Mittelalter die Schriftkultur mit den sogenannten Gerbstofftinten. Denn die Mönche entdeckten, dass Ruß gar nicht zwingend notwendig war: Kochte man stattdessen gerbstoffreiche Pflanzenteile aus und versetzte sie mit Eisensalzen, entstand durch eine chemische Reaktion eine tiefdunkle Flüssigkeit. Genau dieses jahrhundertealte Geheimnis lässt sich heute einfach nachmachen: Mit einer selbstgemachten Rosmarin-Tinte wird die Herstellung zum faszinierenden chemischen Experiment, bei dem die Pflanzentinte in Sekundenschnelle die Farbe wechselt.

Mein eigenes Tinten-Rezept mit Rosmarin

Das nehme ich für 1 Anwendung
Für das Eisenwasser:  eine Handvoll rostige Eisennägel oder andere unbeschichtete Eisenstücke  ~  Essig  ~  Für die Rosmarin-Tinte:  100 ml destilliertes Wasser  ~  10 g getrockneter Rosmarin (Salvia rosmarinus)  ~  1 TL Gummi arabicum (E 414)  ~  und ein kleines Lächeln, denn:  Lächle – und die Welt lächelt zurück!

So entsteht meine Anwendung
Eisenwasser:  [1]  Eine Handvoll rostige Nägel in ein leeres Schraubglas geben. Am besten eignen sich alte, bereits sichtlich verrostete Nägel.  [2]  Das Glas mit Haushaltsessig füllen, bis die Nägel vollständig bedeckt sind.  [3]  Die Essigsäure reagiert mit dem Eisen. Die Flüssigkeit verfärbt sich mit der Zeit rötlich-braun, orange oder dunkel-grau. Solange noch Eisenstücke in der Flüssigkeit reagieren und dadurch Gas entstehen kann, darf das Gefäß nicht luftdicht verschlossen werden. Den Ansatz an einem gut belüfteten Ort ohne Zündquellen stehen lassen.  [4]  Den Ansatz regelmäßig kontrollieren. Wenn das Eisenwasser nach etwa 2 bis 3 Tagen eine kräftige Farbe hat, ist es fertig.  [5]  Die Flüssigkeit durch ein feines Tuch in ein sauberes Glas filtern, um lose Rostpartikel zu entfernen. Nach dem Abfiltrieren das Eisenwasser mindestens 2–3 Tage in einem locker abgedeckten Gefäß an einem gut belüfteten Ort ohne Zündquellen stehen lassen. Erst wenn keine Gasentwicklung mehr feststellbar ist, kannst Du es in eine kleine braune oder dunkle Glasflasche umfüllen.  

Rosmarin-Tinte:  [6]  Den getrockneten Rosmarin mit dem destillierten Wasser in einen kleinen Topf geben.  [7]  Bei niedriger Hitze abgedeckt ca. 20 Minuten ziehen lassen.  [8]  Den Sud durch ein feines Tuch oder eine Nylonsocke gießen und die Kräuter vorsichtig ausdrücken. So entfernst Du die Pflanzenreste, welche die Schreibfeder verstopfen könnten. Bei Bedarf durch einen Kaffeefilter geben, damit möglichst wenige Pflanzenpartikel zurückbleiben. Es entsteht ein Pflanzen-Auszug, dessen Farbintensität von der Rosmarin-Charge und der Ziehzeit abhängt.  [9]  Den Sud etwas abkühlen lassen. Das Gummi arabicum einrühren und vollständig auflösen lassen. Es verbessert die Haftung der Farbe auf dem Papier und verändert ihre Fließeigenschaften.  Hier entsteht eine wichtige Voraussetzung für eine gut schreibende Tinte: Ist sie zu dünnflüssig, kann sie auf saugfähigem Papier verlaufen. Zu viel Gummi arabicum macht sie dagegen zähflüssig, sodass sie schlechter aus der Schreibfeder fließt. Probiere die Tinte deshalb zunächst mit einer Schreibfeder auf einem Stück Papier aus.  [10]  Anschließend die Tinte auf zwei kleine dunkle Gläser aufteilen.  [11]  Ein Glas enthält jetzt die Basis-Tinte. Sie ergibt einen weichen, transparenten Farbton wischen Goldbraun und Olivgrün, der beim Schreiben allmählich seine Grünanteile verliert.  [12]  In das zweite Glas tröpfchenweise das Eisenwasser einrühren. Die Gerbstoffe (Tannine) des Rosmarins reagieren sofort mit den Eisenionen und die Tinte schlägt im Glas augenblicklich von Braun in ein tiefes, dunkles Graublau bis Schwarz um. Beim Trocknen kann die Schrift durch weitere Oxidationsvorgänge nachdunkeln, gib das Eisenwasser deshalb nur tropfenweise hinzu und fertige zwischendurch kleine Schriftproben an. Warte jeweils, bis die Schrift getrocknet ist, bevor Du entscheidest, ob weiteres Eisenwasser nötig ist und … genieße den Moment!

Mein Tipp
Fertig angesetztes Eisenwasser kannst Du für weitere Tinten- und Färbeexperimente aufbewahren. Ein Platz im Keller oder einem dunklen Schrank reicht völlig aus, um das Eisenwasser monatelang stabil zu halten.  ~  Mit der Zeit kann sich seine Zusammensetzung durch Oxidation verändern. Deshalb solltest Du vor jeder Verwendung eine kleine Farbprobe anfertigen.  ~  Und mit einer selbstgemachten Gänseschreibfeder erwacht das alte Schreibhandwerk wirklich zum Leben.

Rosmarin für dieses Rezept
Für die Herstellung dieser Tinte eignen sich besonders schonend getrocknete Rosmarin-Blätter. Sie sind das ganze Jahr über verfügbar und lassen sich für einen gleichmäßigen Pflanzen-Auszug zuverlässig dosieren.

Hinweis: Qualität und Verträglichkeit der Zutaten beeinflussen das Ergebnis – wähle sie bewusst entsprechend Deiner persönlichen Verträglichkeit aus. Die Farbe ist nicht mit einer historischen Eisengallustinte vergleichbar. Auch ihre Lichtbeständigkeit ist nicht gesichert. Für wertvolle Dokumente oder dauerhaft aufzubewahrende Zeichnungen ist sie daher nicht geeignet. Die fertige Tinte ist nicht für Füllfederhalter oder historische Originaldokumente geeignet. Bewahre Eisenwasser und Tinte deutlich beschriftet und außerhalb der Reichweite von Kindern und Haustieren auf. Verwende bei der Herstellung saubere, unbeschichtete Eisenstücke und handelsüblichen Haushaltsessig. Arbeite gut belüftet und fern von Zündquellen, da bei der Reaktion Wasserstoff entstehen kann. Trage Schutzhandschuhe und schütze empfindliche Oberflächen.

Wie Kräuter wirken

Warum verändert Rosmarin-Tinte die Farbe, wenn Eisenwasser hinzukommt?
Ein paar Tropfen Eisenwasser können genügen – und die blasse Rosmarin-Tinte verwandelt sich in eine tiefdunkle Schreibflüssigkeit. Was wie ein Zaubertrick wirkt, ist in Wahrheit faszinierende Chemie. Der Schlüssel zu dieser Verwandlung liegt in der Molekülstruktur des Rosmarins verborgen.
Die Molekülstruktur von Rosmarin:  Rosmarin (Salvia rosmarinus) ist reich an sogenannten phenolischen Verbindungen, darunter Flavonoide wie Luteolin und Apigenin. Diese Pflanzenstoffe können zur gelblichen Färbung von Pflanzenextrakten beitragen. Besonders interessant für unsere Tinte ist jedoch die Rosmarin-Säure, denn sie besitzt eine molekulare Besonderheit: die Catechol-Struktur. Dabei sitzen zwei Hydroxygruppen (Molekülgruppen aus Sauerstoff und Wasserstoff) direkt nebeneinander an einem chemischen Ring. Für Metall-Ionen wirken diese Stellen wie maßgeschneiderte Greifarme. Der Rosmarin bringt also von Natur aus schon alles mit, was er für die chemische Begegnung mit dem Eisenwasser braucht.
Rosmarin und Eisenwasser ~ Wie die Komplexbildung die Farbe verändert:  Sobald das Eisenwasser zur Tinte gegeben wird, treten die gelösten Eisen-Ionen in Aktion. Sie finden an den Sauerstoffatomen bestimmter Hydroxygruppen geeignete Bindungsstellen. So können sich mehrere dieser Gruppen um ein Eisen-Ion anordnen und es festhalten. Chemiker sprechen hier von einer Komplexbildung: Das Eisen-Ion wird von den Pflanzenstoffen regelrecht umzingelt. Diese molekulare Umarmung verändert das Zusammenspiel der Elektronen – und das hat sichtbare Folgen. Zwischen dem Eisen und den gebundenen Pflanzenstoffen können Elektronenübergänge stattfinden. Dadurch nimmt der neu entstandene Eisen-Komplex andere Wellenlängen des sichtbaren Lichts auf als die ursprünglichen Rosmarin-Inhaltsstoffe. Da dieses Licht verschluckt wird, erreicht es unser Auge nicht mehr: Die Tinte erscheint plötzlich deutlich dunkler. Neben der Rosmarinsäure mischen im Rosmarin noch weitere Pflanzenstoffe mit, die ähnlich reagieren können.
Diese Faktoren bestimmen die Farbintensität im Tintenglas:  Wie dunkel die Schrift am Ende wird, ist ein chemischer Balanceakt, bei dem drei Faktoren eine wichtige Rolle spielen. 
~ Die Ladung des Eisens:  Eisen kann in wässrigen Lösungen zweifach Eisen(II) oder dreifach Eisen(III) positiv geladen sein. Je nach
Ladung können unterschiedliche Komplexe entstehen, die auch die Farbentwicklung beeinflussen.
~ Der Säuregehalt der Eisenwassers (pH-Wert):  Da das Eisenwasser mit Essig angesetzt wird, kommt Säure ins Spiel. Sie entscheidet mit darüber, wie leicht sich die Komplexe bilden und wie stabil sie bleiben.
~ Oxidation durch Luftsauerstoff beim Trocknen:  Beim Schreiben und Trocknen auf dem Papier reagiert die Tinte mit der Luft. Der Sauerstoff oxidiert das Eisen weiter, was die Schrift oft erst beim Trocknen so richtig dunkel werden lässt.
So wird aus einem einfachen Kraut und etwas Rost ein lebendiges Zusammenspiel der Naturkräfte – sichtbar gemacht als dunkle Tinte auf Papier.

Du möchtest mehr über Rosmarin erfahren?  ~  Gerne kannst Du mich anschreiben, dann kann ich Dir sagen, wo und wann ich wieder einen Workshop gebe.

Denke daran: Ich entwickle und erprobe meine Anwendungen mit viel Liebe und Sorgfalt, damit Du sie selbst ausprobieren kannst. Trotzdem kann ich keine Garantie dafür übernehmen, dass sie bei Dir zum gleichen Ergebnis führen. Bitte gehe achtsam mit Dir selbst und den verwendeten Materialien um. Verwende außerdem nur Pflanzen und Materialien, die Du sicher bestimmen und einschätzen kannst. Probiere Neues zunächst vorsichtig aus, denn jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf natürliche Inhaltsstoffe. Die Inhalte dienen der Inspiration und ersetzen keine fachliche Beratung. Die Anwendung erfolgt auf eigene Verantwortung. Weitere Informationen findest Du auf meiner Homepage bei den Rezepten im Haftungsausschluss.