Manche kaufen Andenken. Ich sammle an bestimmten Orten einen Stein, der mich später an diesen Moment zurückdenken lässt. Und die amerikanische Künstlerin Jane Ingram Allen beschäftigte die Frage, wie sich ein Ort in einem Kunstwerk festhalten lässt. Ihre Antwort darauf fand sie in selbstgemachtem Pflanzen-Papier.
Wissenswertes
Wie 135 Pflanzen von Orten erzählen
Als die amerikanische Papierkünstlerin Jane Ingram Allen 2003 für ein Kunststipendium nach Taiwan ging, waren zunächst sechs Monate vorgesehen. Daraus wurden 18 Monate und das Projekt Made in Taiwan. An 14 Orten untersuchte sie, welche Pflanzen sich zur Papierherstellung eigneten – am Ende hatte sie 135 verschiedene Pflanzen für die Papierherstellung erprobt. Aus den Papieren entstanden etwa 53 „Site Maps“ – künstlerische Karten der besuchten Orte. Doch nicht nur die Pflanzen hinterließen darin ihre Spuren, auch der Ort selbst: In Taipei ließ sie frisch geschöpftes Papier auf einem Kanaldeckel trocknen, dessen Oberflächenstruktur sich in das Papier einprägte und Teil einer ihrer Site Maps wurde. So erzählt bei Jane Ingram Allen das Papier selbst von dem Ort, an dem es entstanden ist.
Wenn die Pflanze das Papier bestimmt
Die Künstlerin Jane Ingram Allen fragte sich nicht: Welches Papier brauche ich für mein Kunstwerk? – sondern: Welche Pflanzen finde ich hier – und welches Papier kann daraus entstehen? Und auch ich habe mir die Frage gestellt, auf welchem selbst gemachten Papier die grün-gold-braunen Farben der Pfefferminze besonders schön zur Geltung kommen. Denn in Altpapier sieht Pfefferminze schnell wie altes Heu aus. Mit Küchenkrepp und WC-Papier dagegen geht die Herstellung erstaunlich schnell, eignet sich auch für Einsteiger – und selbst wenn dabei kein Kunstwerk für die Ewigkeit entsteht, wird jedes Blatt zu einem ganz persönlichen Gruß.
Mein eigenes handgeschöpftes Papier-Rezept mit Pfefferminze
Das nehme ich für 1 Anwendung
Für das Papier: 4 Blatt Küchenkrepp ~ etwas Wasser ~ getrocknete Pfefferminz-Blätter (Mentha × piperita)
Für die feine Deckschicht: 1 Blatt WC-Papier, 4-lagig
Für die Herstellung: eine große Schüssel oder ein großer Topf ~ Schöpfrahmen (alternativ ein rundes Fettspritzsieb mit feinem Drahtgewebe, wie es als Spritzschutz auf eine offene Pfanne gelegt wird) ~ Pürierstab ~ alte Baumwoll-Geschirrtücher oder dünne Viskose-Vlies-Spültücher (die klassischen weichen, meist farbigen Spültücher, keine Schwammtücher) ~ Nudelrolle oder Nudelholz ~ und ein kleines Lächeln, denn: Lächle – und die Welt lächelt zurück!
So entsteht meine Anwendung
[1] Das Küchenkrepp in kleine Stücke reißen, in eine Schüssel geben und mit heißem Wasser übergießen. Kurz einweichen lassen, bis das Papier vollständig durchfeuchtet und weich geworden ist. [2] Die eingeweichten Papierschnipsel mit dem Pürierstab zu einem gleichmäßigen Faserbrei pürieren. Dieser Faserbrei wird Pulpe genannt. Je gründlicher Du pürierst, desto feiner wird später die Struktur des Papiers. [3] Eine große Schüssel oder einen Topf etwa zur Hälfte mit warmem Wasser füllen. Das Gefäß muss so groß sein, dass sich der Schöpfrahmen darin gut bewegen lässt. Die Pulpe ins Wasser geben und gründlich verteilen. Je mehr Pulpe Du verwendest, desto kräftiger und dicker wird das Papier. [4] Den Schöpfrahmen schräg in die Wasser-Pulpe-Mischung eintauchen und unter Wasser möglichst waagerecht ausrichten. Leicht hin und her bewegen, damit sich die Papierfasern gleichmäßig auf dem feinen Drahtgewebe verteilen. Anschließend langsam und waagerecht aus dem Wasser heben und kurz abtropfen lassen. [5] Die getrockneten Pfefferminz-Blätter auf der noch feuchten Pulpe verteilen und ganz leicht andrücken. Möchtest Du größere Blätter einarbeiten, sollten sie möglichst flach sein. Ich presse sie deshalb vorher etwas an. [6] Das 4-lagige WC-Papier vorsichtig in seine einzelnen, hauchdünnen Lagen teilen. Eine dieser dünnen Lagen über die feuchte Pulpe und die Pfefferminz-Blätter legen. Hier entsteht mein Pflanzen-Papier: Zwischen den feinen Papierfasern bleiben die Pfefferminz-Blätter sichtbar eingeschlossen. Sie bildet eine feine Deckschicht, unter der die Blätter gehalten werden, ohne vollständig zu verschwinden und lässt gleichzeitig ihre grün-gold-braunen Farben und natürlichen Strukturen erkennen. [7] Mit einer kleinen Nudelrolle nur einmal ganz vorsichtig über die Oberfläche gleiten. Durch die Feuchtigkeit verbinden sich die Pulpe und die dünne Papierlage miteinander. Nicht mehrfach darüberrollen, denn das feuchte Vlies ist sehr empfindlich und kann sonst an der Rolle hängen bleiben. [8] Den Schöpfrahmen auf ein vorbereitetes Tuch legen, mit einem weiteren Tuch abdecken und noch einmal vorsichtig mit der Nudelrolle darübergehen. So wird ein Teil des überschüssigen Wassers herausgedrückt. [9] Das feuchte Papier vorsichtig vom Schöpfrahmen auf ein ausgebreitetes Tuch stürzen. Ein zweites Baumwolltuch darauflegen und das Papier noch einmal behutsam mit dem Nudelholz ausdrücken. [10] Das Papier anschließend wieder vorsichtig auf den Schöpfrahmen legen und mit einem Föhn zügig trocknen. Den Föhn dabei mit etwas Abstand über das Papier bewegen und keine zu hohe Temperatur wählen. Durch die kurze Trocknungszeit bleibt die Pfefferminze nicht unnötig lange in der feuchten Pulpe. So läuft weniger Pflanzenfarbe in das umliegende Papier aus und die grün-gold-braunen Strukturen der Blätter bleiben deutlicher erhalten. [11] Das Papier anschließend vollständig durchtrocknen lassen. Erst wenn keine Restfeuchtigkeit mehr vorhanden ist, kann es gepresst und weiterverarbeitet werden. [12] Das vollständig getrocknete Papier zwischen zwei Lagen Küchenkrepp, dünne Viskose-Vlies-Spültücher oder Baumwolltücher legen und mit einigen dicken Büchern beschweren. Einige Stunden pressen, damit es glatter wird und sich die beim Trocknen entstandenen Wellen möglichst gut legen. [13] Nun kannst Du das fertige Pflanzen-Papier verwenden und … genieße den Moment!
Mein Tipp
Ich reiße aus diesem fertigen Pflanzen-Papier gerne kleine Stücke mit unregelmäßigen Kanten und klebe sie auf Geschenkanhänger oder kleine Karten. So bleiben die besondere Papierstruktur und die eingearbeiteten Pfefferminz-Blätter sichtbar – und aus jedem Stück entsteht ein ganz persönlicher Gruß.
Pfefferminze für dieses Rezept
Für dieses Papier eignen sich besonders schonend getrocknete Pfefferminz-Blätter. Möglichst flache, gut erhaltene Blätter lassen sich leichter in die feuchte Pulpe einarbeiten und ihre natürlichen Strukturen bleiben im fertigen Papier gut erkennbar.
Hinweis: Qualität und Verträglichkeit der Zutaten beeinflussen das Ergebnis – wähle sie bewusst entsprechend Deiner persönlichen Verträglichkeit aus.
Wie Kräuter wirken
Warum verlieren Pfefferminz-Blätter beim Trocknen ihre grüne Farbe?
Beim Papierschöpfen habe ich schnell gemerkt, dass die Pfefferminze ihren eigenen Kopf hat. Gerade noch gefallen mir ihre grün-gold-braunen Blätter, wenig später sind sie braun.
Das Blattgrün der Pfefferminze: Das kräftige Grün eines frischen Pfefferminz-Blattes verdankt sich vor allem dem Chlorophyll. Der Pflanzenfarbstoff befindet sich in den Chloroplasten der Blattzellen und nimmt dort Lichtenergie für die Photosynthese auf. Auch das Blattgrün ist dabei nichts Starres: Solange die Pfefferminze lebt, wird Chlorophyll ständig neu gebildet und wieder abgebaut. Wird ein Pfefferminz-Blatt geerntet, wird es nicht mehr von der Pflanze mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Die Stoffwechselvorgänge laufen nach und nach aus und die Strukturen der Zellen verändern sich. Gleichzeitig wird Chlorophyll abgebaut – das kräftige Grün beginnt zu verschwinden.
Vom kräftigen Grün zu Goldbraun: Beim Trocknen verliert das Pfefferminz-Blatt einen großen Teil seines Wassers. Die Zellen verlieren ihren Innendruck, das Gewebe schrumpft und aus dem prallen frischen Blatt wird ein dünnes, trockenes Pflanzenblatt. Während das Chlorophyll abnimmt, treten andere Pflanzenfarbstoffe und Abbauprodukte stärker hervor. So kann sich das Grün je nach Trocknungsbedingungen über Oliv- und Gelbtöne bis hin zu Goldbraun und Braun verändern. Wie schnell das geschieht, hängt auch von den äußeren Bedingungen ab. Licht, Wärme und Sauerstoff können Veränderungen des Chlorophylls fördern. Auch die Dauer der Trocknung spielt eine Rolle. Eine zügige und schonende Trocknung kann deshalb helfen, möglichst viel von der ursprünglichen Pflanzenfarbe zu bewahren.
Wenn getrocknete Pfefferminze wieder nass wird: Für mein Pflanzen-Papier verwende ich bereits getrocknete Pfefferminz-Blätter. Beim Papierschöpfen kommen sie jedoch erneut mit Wasser in Berührung. Sie liegen auf der nassen Pulpe und werden mit einer hauchdünnen Papierschicht bedeckt. Damit beginnt für die bereits getrockneten Blätter eine zweite feuchte Phase. Bleibt das Papier lange nass, können sich wasserlösliche Bestandteile aus dem Pflanzengewebe lösen und in die umgebenden Papierfasern gelangen. Dadurch können sich nicht nur die Blätter selbst weiter verändern, auch das Papier unmittelbar um die Pfefferminze kann Farbe annehmen.
Warum ich mein Pflanzen-Papier schnell trockne: Genau deshalb lasse ich mein dünnes Pfefferminz-Papier nicht langsam über Nacht trocknen, sondern helfe mit dem Föhn nach. Die feuchte Phase wird dadurch verkürzt und die grün-gold-braunen Strukturen der Pfefferminze bleiben bei meiner Herstellung deutlicher erkennbar.
Auch fertiges Pflanzen-Papier verändert sich: Mit dem Trocknen ist die Farbveränderung allerdings nicht beendet. Die Pfefferminz-Blätter im fertigen Papier bleiben Pflanzenmaterial und ihre Farbstoffe sind nicht dauerhaft stabil. Vor allem Licht und Sauerstoff, aber auch Wärme und Feuchtigkeit können dazu beitragen, dass die Blätter mit der Zeit verblassen oder zunehmend gelbliche und braune Farbtöne annehmen.
Mein Pflanzen-Papier bewahre ich deshalb trocken und vor direkter Sonne geschützt auf. Ganz aufhalten lässt sich die Veränderung trotzdem nicht. Ein echtes Pfefferminz-Blatt bleibt auch im Papier ein Stück Natur – und darf mit der Zeit zeigen, dass es eines ist.
Du möchtest mehr über Pfefferminze erfahren? ~ Gerne kannst Du mich anschreiben, dann kann ich Dir sagen, wo und wann ich wieder einen Workshop gebe.
Denke daran: Ich entwickle und erprobe meine Anwendungen mit viel Liebe und Sorgfalt, damit Du sie selbst ausprobieren kannst. Trotzdem kann ich keine Garantie dafür übernehmen, dass sie bei Dir zum gleichen Ergebnis führen. Bitte gehe achtsam mit Dir selbst und den verwendeten Materialien um. Verwende außerdem nur Pflanzen und Materialien, die Du sicher bestimmen und einschätzen kannst. Probiere Neues zunächst vorsichtig aus, denn jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf natürliche Inhaltsstoffe. Die Inhalte dienen der Inspiration und ersetzen keine fachliche Beratung. Die Anwendung erfolgt auf eigene Verantwortung. Weitere Informationen findest Du auf meiner Homepage bei den Rezepten im Haftungsausschluss.